Vormittag: Vom Fischmarkt zu den Baumkronen: Unterwegs zum Kakum-Nationalpark
Nach dem Frühstück mit Blick auf den Hotelpool und die Salzgewinnungsanlagen von Elmina bringt uns der Bus zum Kakum-Nationalpark nördlich von Cape Coast. Die Fahrt dorthin wird schnell zu einer eigenen kleinen Lehrveranstaltung – denn kaum ein Kilometer vergeht, ohne dass sich draußen vor dem Busfenster ein neues Kapitel von Ghanas Gegenwart auftut.

Das Sprichwort des Tages lautet: „When the roots are deep, there is no reason to fear the wind”.
Der Fischerhafen von Elmina
Gleich zu Beginn der Fahrt hält der Bus am Fischmarkt von Elmina. Ins Auge fallen sofort die bunten Plakate mit Porträts Verstorbener, die an Hauswänden und Zäunen kleben – ein fester Bestandteil ghanaischer Trauer- und Erinnerungskultur, der uns Besucher zunächst irritiert und dann fasziniert. Von einer Brücke beobachten wir das bunte Treiben auf dem Fischmarkt und die Rückkehr der kleinen Boote. Im Bus erfahren wir anschließend einiges über die Kleinfischerei vor Ghanas Küste, die für viele Familien entlang der Küste seit Generationen die Existenzgrundlage bildet – und über die massiven Probleme, die illegale Fischerei durch chinesische und internationale Trawler den lokalen Fischern bereitet: leergefischte Gewässer, sinkende Fangquoten, wachsende Konkurrenz um eine Ressource, die eigentlich der lokalen Bevölkerung vorbehalten sein sollte.
Gefängnisse, Kliniken und ein Leprakrankenhaus am Wegesrand
Der Weg führt uns an mehreren Institutionen vorbei, die man auf einer klassischen Exkursionsroute nicht unbedingt erwarten würde: das Ankaful-Hochsicherheitsgefängnis, ein eigenes Gefängnis für infektiöse Häftlinge, ein psychiatrisches Krankenhaus sowie ein Krankenhaus, in dem vor allem betagte Leprakranke behandelt werden.
Galamsey – der Preis des Goldes
Ausführlich besprochen wird im Bus auch der folgenreiche illegale Goldbergbau, in Ghana als Galamsey bekannt, der inzwischen von Zehntausenden kleinen und mittleren Akteuren betrieben wird. Die Folgen sind gravierend: wertvolle Regenwälder werden abgeholzt, Flüsse und Trinkwasser durch Quecksilber und Sedimente verseucht, ganze Lebensräume und landwirtschaftliche Flächen zerstört. Was als individuelle Überlebensstrategie in armen Regionen begann, hat sich zu einem industriellen, oft von ausländischem Kapital getragenen Problem entwickelt, das die ghanaische Öffentlichkeit derzeit intensiv diskutiert.
Kautschuk aus dem Busfenster
Nur aus der Ferne, im Vorbeifahren, sehen wir eine ausgedehnte Gummibaumplantage. Der hier gewonnene Kautschuk wird in Ghana selbst vor allem zu Schuhen und Reifen weiterverarbeitet – Kautschuk wird im Schatten des großen Kakaosektors leicht übersehen.
Der Kakum-Nationalpark und der Canopy Walkway

Am Ziel angekommen, erwartet uns eine geführte Wanderung durch den Regenwald zum 1994 errichteten Canopy Walkway, der über sieben Hängebrücken in rund 40 Metern Höhe zwischen den Baumkronen hindurchführt – ein Adrenalinschub für schwindelfreie Historiker:innen und zugleich ein einzigartiger Blick auf eines der letzten großen Regenwaldgebiete Westafrikas. Das bereits 1925 unter Schutz gestellte Gebiet erstreckt sich über 350 Quadratkilometer und beherbergt unter anderem über 200 Vogelarten sowie rund 200 Waldelefanten. Letztere werden immer wieder Opfer von Wilderern, die von den Park Rangers nur selten gefasst werden – das erbeutete Elfenbein landet zumeist auf dem chinesischen Markt. Damit schließt sich auf dieser Fahrt ein roter Faden: Ob Fischerei, Goldbergbau oder Wilderei – an vielen Stellen in Ghanas Gegenwart trifft man auf dieselbe globale Verflechtung, die schon unsere Beschäftigung mit dem frühneuzeitlichen Atlantikhandel bestimmt hat, nur mit neuen Akteuren und neuen Rohstoffen.



Der Bus rollt am frühen Nachmittag zurück nach Elmina – die Stadt die wir am Vortag schon durchquerten: Elmina ist anders als die anderen Stationen unserer Exkursion. Kaum ein anderer Ort an der ghanaischen Küste verdichtet fünfhundert Jahre Globalgeschichte so eng auf so engem Raum wie diese Stadt am Benya-Fluss.
Eine Stadt voller Geschichte und Geschichten
Auf der Fahrt durch die engen Gassen hören wir davon, dass Elmina zuallererst eine Stadt mit eigener, sehr lebendiger spiritueller Tradition ist. Zweimal fahren wir an einem traditionellen Schrein vorüber. Für die Fante-Gemeinde vor Ort ist der Benya-Fluss selbst eine Gottheit – Benya – und das jährliche Bakatue-Fest, das die Fischereisaison eröffnet, erinnert daran, dass die europäische Präsenz in Elmina immer nur eine Schicht über einer älteren, eigenständigen religiösen und sozialen Ordnung war. Für uns Historiker:innen ist das eine wichtige Erinnerung: Die Quellenlage zur Atlantikgeschichte stammt fast ausschließlich aus europäischer Feder – die Perspektive der Menschen, die hier lebten, glaubten und handelten, muss man sich mühsam und oft gegen den Strich der Archive erarbeiten.
Führung durch das Elmina Castle
Dann folgte der Höhepunkt des Nachmittags: die Führung durch das Elmina Castle, 1482 von den Portugiesen als São Jorge da Mina errichtet und damit das älteste von Europäern erbaute Bauwerk südlich der Sahara. Die dicken, weiß getünchten Mauern wirken auf den ersten Blick fast malerisch, fotogen im Licht der Nachmittagssonne – und genau dieser Kontrast zwischen ästhetischer Wirkung und der Funktion des Ortes als Umschlagplatz von Gold, später von Menschen, macht den Rundgang so beklemmend. Wir stehen in den Verliesen, in denen versklavte Menschen wochen- und monatelang unter unvorstellbaren Bedingungen festgehalten wurden, bevor sie durch die berüchtigte „Door of No Return“ auf die Sklavenschiffe getrieben wurden. Die Governor’s Apartments direkt über diesen Verliesen – mit Blick aufs Meer, mit Frischluft und Tageslicht – sprechen eine eigene, zynische Sprache über die Hierarchien der Kolonialordnung. Im Innenhof des Castle, an prominenter Stelle, liegt die ehemalige Kirche des Forts – von den Niederländern nach ihrer Eroberung 1637 als Sklavenauktionshalle genutzt. Heute beherbergt sie eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Ortes: historische Karten der Goldküste, Objekte aus dem Handel zwischen Akan-Gesellschaften und europäischen Handelskompanien.






Der Sklavenhandel – erzählt von einem lokalen Guide
Den eigentlichen Kern der Führung übernimmt ein lokaler Guide, der uns durch die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels führt – mit einer emotionalen Direktheit, die kein Lehrbuch ersetzen kann. Schätzungen zufolge wurden über die Jahrhunderte mehrere Millionen Menschen allein über Häfen wie Elmina und das benachbarte Cape Coast verschleppt. Für unsere Gruppe, die sich in Hagen intensiv mit globalhistorischen Verflechtungsprozessen beschäftigt hat, ist dieser Moment vor Ort eine wichtige Erdung: Statistiken und Handelsbilanzen bekommen hier ein Gesicht, einen Geruch, einen Ort.
Der Abend am Coconut Beach Resort
Nach so viel Geschichte, die einem im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht, tut die Weiterfahrt an den Strand gut – ans Coconut Beach Resort, wo Palmen im Wind rauschen und der Atlantik in gleichmäßigen Wellen an den Sand schlägt. Hier verlagert sich das Programm noch einmal, diesmal in den Seminarraum-Modus unter freiem Himmel: Drei Referate stehen an.

Zunächst geht es um die Portugiesen an der Goldküste – ihre frühe Vorreiterrolle im Goldhandel ab dem späten 15. Jahrhundert, den Bau von São Jorge da Mina und die Handelsnetzwerke, die lange vor dem großen transatlantischen Sklavenhandel florierten. Das zweite Referat weitet den Blick und stellt Ghana in den Kontext des internationalen Systems der Frühen Neuzeit: die Konkurrenz der Großmächte um Forts und Handelsprivilegien an der Küste, eingebettet in afrikanische Machtstrukturen, die diese europäische Konkurrenz geschickt für die eigenen Interessen zu nutzen wussten. Zum Abschluss widmet sich ein drittes Referat der Landwirtschaft in Ghana und der zentralen Frage, ob die Ausrichtung der Landwirtschaft auf den Export oder auf Nahrungsanbau und Subsistenzwirtschaft langfristig eher Früchte trägt.
Einige wenige Tapfere aus unserer Gruppe nutzen die Pause zwischen den Referaten und dem Abendessen, um für gut fünf Minuten in den Atlantik zu springen – die Brandung ist kräftiger, als man von Weitem vermutet, aber die Erfrischung nach einem langen, intensiven Tag ist unbezahlbar.
Abendessen im Rauschen der Brandung
Den Tag lassen wir bei einem herrlichen Abendessen direkt am Strand ausklingen, während die Sonne schon lange hinter dem Horizont verschwunden ist und die Wellen im Hintergrund ihren gleichmäßigen Rhythmus halten. Erst spät am Abend geht es zurück zum Hotel – müde, nachdenklich und reich an Eindrücken, die weit über das hinausgehen, was sich in Seminarräumen in Hagen vermitteln lässt.
Alex melzer und David Zelinger