Ein Blick auf das Programm zeigt uns wenig Programmpunkte, dafür viele Fahrkilometer. Sollte es ein entspannter Tag werden? Der Schein trügt, der Tag wurde ganz unerwartet zu einem der aufregendsten Tage der Reise.
Aber nun ganz von Anfang an:
Auf Wunsch der Hotelmanagerin stellen wir uns für ein Gruppenfoto vor den Eingang. Es ist davon auszugehen, dass die Aufnahme bald in der Hotellobby hängen wird. Um 8:08 Uhr fahren wir dann mit einer winzigen Verspätung los. Wie jeden Tag beginnt unser Guide Nii Ayi Solomon seinen Vortrag mit einem afrikanischen Sprichwort:
„When the roots are deep, there is no reason to fear the wind“.
Nii kündigt uns an, dass wir heute von der Asante Region entlang der Sklavenroute in die Centre Region fahren. Ab heute begleitet uns das Thema Sklaverei bis zum Ende der Reise. Auf der Fahrt führt uns Nii in die Gepflogenheiten im Zusammenhang von Pubertät, Brautwerbung und Heiratsritual in Ghana ein. Wenn ein Paar heiratet entsteht eine Verbindung, die über die beiden Individuen hinausgeht. Eine Heirat findet immer zwischen zwei Familien statt.
Die Familie der Braut recherchiert über den Bräutigam und erlaubt die Verbindung oder nicht. Wenn ja, bekommt der Bräutigam eine Liste der Aussteuer, die er kaufen muss, z.B. Kleidung, Schuhe, Haushaltswaren, Bibel, Koffer, Schmuck, Salz, Reis, etc.
Sind alle Bedingungen erfüllt, wird die Braut vor der Zeremonie von ihrem Vater drei mal gefragt, ob sie den Bräutigam heiraten will. Wenn sie das bejaht, übergibt der Vater die Braut an den Bräutigam und die große Feier beginnt. Die Braut hat auch die Möglichkeit nein zu sagen.
Bei der traditionellen Hochzeit kann der Mann mehrere Frauen heiraten. Sobald er christlich heiratet, verzichtet er auf dieses Recht.
Scheidung ist bei einer traditionellen Heirat möglich. Zunächst versuchen aber beide Familien, das Problem zu lösen. Falls das nicht möglich ist, werden die Geschenke des Bräutigams zurückgegeben und die Ehe ist damit beendet.
Eine Heirat zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen ist möglich. Es gibt auch arrangierte Ehen und sogar Eheschliessungen ohne Anwesenheit des Mannes, z.B. wenn er im Ausland wohnt.
Der Mutterschutz beträgt 6 Monate. Kinder werden oft von der Großmutter betreut, wenn die Mutter weiter arbeiten möchte. Auch in Ghana bleibt es eine große Herausforderungen, Kinder und Beruf zu vereinbaren.
Männer und Frauen werden grundsätzlich bei entsprechender Tätigkeit gleich bezahlt.
Weiter geht es im fahrenden Bus mit dem Referat von Alex zum Thema:
Die frühen Anglo-Asante-Kriege. Hintergründe, Zielsetzungen, Auswirkungen.
Gleich im Anschluss hören wir Olafs Referat zum Thema: Der 3. Anglo-Ashanti-Krieg.
Die erste Station ist der Ancestral River Park. Unser Guide Kwame Divine Azuma erzählt uns die Geschichte dieses historischen Ortes. Zu Beginn erklärt er uns den Unterschied zwischen dem afrikanischen Sklavensystem und dem europäischen Slavenhandel. Im afrikanischen Sklavensystem seien Kriegsgefangene zu Zwangsarbeit verpflichtet, aber nach 7 Jahren wieder freigelassen. Sie behielten ihre Identität, ihren Namen und ihre Kultur.

Im Ancestral River Park geht es um die Geschichte der versklavten Menschen, die im transatlantischen Sklavenhandel gehandelt wurden. Hier war der Sklavenmarkt, wo die Sklaven gewaschen und verkauft wurden. Im Fluss nahmen sie ihr letztes Bad, danach wurden sie eingeölt und zum Verkauf angeboten. Diejenigen die nicht verkauft wurden, wurden vor Ort getötet und im Wald verscharrt oder den Tieren zum Fraß vorgesetzt.

Aus dem ehemaligen Sklavenmarkt ist ein Gedenkort entstanden, an dem die Nachfahren der damals verschleppten Sklaven ihren Wurzeln und Vorfahren gedenken können. Da den Sklaven jegliche Identität geraubt wurde, ist es den Besuchern nicht möglich, ihre Wurzeln zu rekonstruieren. Deshalb steht dieser Gedenkort symbolisch für alle. Neben dem Tor zum letzten Bad ist ein neues Tor entstanden zum Bad der Rückkehr. Symbolisch begehen die Nachfahren den Schritt der Rückkehr, den ihre Vorfahren niemals hätten gehen können.

Um 15:00 Uhr kommen wir in Cape Coast an. Zufällig wird gerade das berühmte Festival Fetu Afahye gefeiert. Es findet jährlich am ersten Septemberwochenende statt. Wegen der großen Menschenmenge, müssen wir die letzten Meter zum Cape Coast Castle zu Fuß gehen. Was für ein Erlebnis und Abenteuer!

Die Chiefs werden durch die Menge getragen, es finden Prozessionen und Tänze mit einem bunten Gemisch an Kostümen statt.
Für unsere Gruppe ist es eine echte Herausforderung, zusammen zu bleiben. Aber wir kommen, dank Nii, alle beim Castle an und haben eine weitere Führung zum Thema Sklavenhandel. Das Fort wurde 1665 von den Briten erbaut, am Höhepunkt des Sklavenhandels an der Goldküste.
Der Guide im Fort zeigt uns die Kerker ohne Tageslicht, in denen die Männer und Frauen monatelang festgehalten wurden, bevor sie in die Schiffe verfrachtet wurden, falls sie überhaupt überlebten. Unser Guide besteht darauf, dass die Forts von Anfang an für den Sklavenhandel gebaut wurden. Es gebe keinen anderen Grund, solche Verließe zu bauen. Neben den Kerkern gab es Zellen, aus denen es kein lebendiges Entkommen gab, hier wurden wiederständige Sklaven eingesperrt bis sie starben. Über den Zellen befand sich die Kapelle der Briten, die dort ihre christlichen Gottesdienste feierten.
Wir werden zur „Door of no Return“ geführt, durch die die Sklaven den afrikanischen Kontinent verließen, d.h. zusammengekettet in die Schiffe gebracht wurden, ohne zu wissen wohin die Reise führte und ohne Möglichkeit, ihre Heimat je wiederzusehen. Uns befällt ein Gefühl von Demut und Trauer. Zurück auf dem sonnigen Innenhof, erklärt uns der Guide, warum es ihm wichtig ist die Geschichte der Sklaven zu erzählen: „Wenn wir die Geschichte nicht erzählen, dann werden die Amerikaner unsere Geschichte erzählen.“ Heute gehört das Cape Coast Castle zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Ariane Dörig Rohdenburg und Patrizia Höfer