Ein Freitag in Accra

Die Disziplin der Gruppe war auch noch am letzten Tag überragend. Mit nur wenigen Minuten Verspätung und allem Gepäck an Bord fuhren wir zu unseren letzten Terminen. Wer gedacht hatte, der letzte Tag sei dem Rumbummeln und Ausruhen vorbehalten, wurde enttäuscht. Die erfahrenen Exkursionsteilnehmer*innen wussten es ohnehin besser: Bis zur letzten Minute waren wir ausgebucht. Auf dem Programm standen zwei Gespräche an der University of Ghana und der Besuch eines panafrikanischen Zentrums.

Doch ohne das tägliche Proverb ging nichts. Wieder begrüßte uns Nii mit einer afrikanischen Weisheit: „The world is like a mask dancing. If you want to see it well you do not stay in one place.“ Das Sprichwort stammt von dem nigerianischer Autor Chinua Achebe (1930–2013) und erinnert uns daran, dass alles beständigem Wandel unterliegt und wir gut daran tun, nicht stillzustehen, sondern uns auf das Neue einzulassen. Ob Olaf auch dieses Mal eine tiefsinnige Erörterung beisteuerte, erinnere ich leider nicht mehr. Eine alternative Sicht von Silvester gab es meines Wissens nicht.

Durch dichten Verkehr ging es zur University of Ghana, über deren Eckdaten uns Nii unterwegs informierte. Gegründet 1948 als University College of the Gold Coast und mit enger Anbindung an die Universität London wurde sie 1957 im Zuge der Unabhängigkeit Ghanas in University College of Ghana umbenannt. 1961 erlangte sie die institutionelle Unabhängigkeit und heißt seither University of Ghana. Zunächst lag der Forschungs- und Lehrschwerpunkt bei den Geistes- und Sozialwissenschaften, Landwirtschaft und Medizin; im Rahmen einer nationalen Bildungsreform kamen technologieorientierte Wissenschaften hinzu. Die UG ist mit aktuell über 70.000 Studierenden die größte Universität Ghanas. Der Campus ist von beeindruckenden Ausmaßen. Es gibt alles, was Studierende und Lehrende im täglichen Leben benötigen, so dass der Campus praktisch eine Stadt in der Stadt bildet. Die Gebäude sind on einem einheitlichen Stil erbaut, der sich an der japanischen Architektur orientiert. Zudem ist das gesamte Gelände auffallend gepflegt. Der Campus strahlt eine sehr angenehme Atmosphäre aus und erinnert an US-amerikanische Universitäten.

An der Faculty for the Humanities empfing uns Prof. Cyrelene Amoah-Boampong. Sie ist Head of the Department of History und eine sehr lebhafte, ungemein sympathische Frau. Gemeinsam mit einem Kollegen, dessen Namen ich leider nicht erinnere, gab sie uns einen kurzen Überblick über das Department of History, das zu den bereits 1948 gegründeten Einheiten der Philosophischen Fakultät des vormaligen University College of the Gold Coast gehört.

Der Fachbereich sieht sich dem Erbe von Professor Albert Adu Boahen verpflichtet, der 1967 als erster Afrikaner die Leitung des Instituts für Geschichtswissenschaft übernahm. Die Bibliothek, in der unser Gespräch stattfand, trägt seinen Namen. Seine 1959 an der Universität London eingereichte Dissertationsschrift über die britische Politik gegenüber Nord- und Westafrika zwischen 1788 und 1861 wurde im Gegensatz zu den meisten Doktorarbeiten an britischen Hochschulen von einem renommierten Wissenschaftsverlag publiziert und gilt bis heute als Standardwerk für diese Phase der britischen Afrikapolitik. Über weitere von ihm verfasste Grundlagenwerke informiert der umfangreiche Wikipedia-Artikel. Dort findet sich auch der Hinweis auf einen wenig bekannten Artikel über die Geschichte des Sklavenhandels, der in einer von Studenten herausgegebenen Zeitschrift erschien, in dem Boahen die aktive Rolle betonte, die die Afrikaner selbst beim Menschenhandel gespielt hatten. Dies habe ihm bei jungen Historikern, die die Geschichte der afrikanisch-europäischen Beziehungen ausschließlich als eine Geschichte der kolonialen Verbrechen interpretierten, lautstarke Proteste eingebracht. Auch als politischer Oppositioneller spielte Boahen seit der Unabhängigkeit eine Rolle unter anderem als scharfer Kritiker Nkrumahs. 1992 kandidiert er für die New Patriotic Party (NPP) für das Amt des Staatspräsidenten, verlor aber gegen Jerry Rawlings.

Das Department of History verfolgt explizit die afrozentrische Perspektive in Forschung und Lehre, die sich in den Bereichen Geschlechtergeschichte, Arbeitsgeschichte, Sozialgeschichte und soziale Bewegungen, Wirtschaftsgeschichte, Migrationsgeschichte, postkoloniale Geschichte, Institutionsgeschichte, Friedens- und Konfliktforschung sowie Studien zur Sklaverei und zur afrikanischen Diaspora widerspiegelt.

In der an die Kurzvorstellung des Departments und aller Anwesenden hatten wir die Möglichkeit, spezifisch zu Themen nachzufragen, mit denen wir uns in Form der Referate beschäftigt hatten, sowie grundlegende Fragen der Gewschichtswissenschaft in Ghane anzusprechen. Nach Einschätzung von Cyrelene Amoah und ihrem Kollegen spielt direkte politische Einflussnahme keine Rolle, sehr wohl aber der gesellschaftspolitische „Kampf um die Geschichte“. Das Masternarrativ wird zwischen politischen Interessen, oralen Traditionen und Geschichtswissenschaft permanent verhandelt. Eine Auseinandersetzung, in der die Geschichtswissenschaft immer wieder ihre Relevanz behaupten muss.

Auch das touristisch überformte „Homecoming“ wird als Herausforderung an die Geschichtswissenschaft erlebt. Die Geschichtsbilder, die der afrikanischen Diaspora bei ihren Besuchen in Ghana angeboten werden, bedienen vor allem das Ziel der „Rückkehrer“, sich mit ihrem kulturellen Erbe zu verbinden, und vermitteln ein stark vereinfachtes Bild des Trans-atlantischen Sklavenhandels.

Beklagt wurde von Cyrelene und ihrem Kollegen, dass der allergrößte Teil der in Ghana gut ausgebildeten Wissenschaftler*innen ihr Wissen nicht in Ghana einbringen, sondern ins Ausland gehen. Das trifft wohl auch auf Historiker*innen zu. 90 Prozent der Absolvent*inne ghanaischer Universitäten lebt in den USA, so die grobe Schätzung der beiden.

Nach dem obligatorischen Gruppenfoto ging es weiter zum Maria Sibylla Merian Institute for Advanced Studies in Africa (MIASA). MIASA, 2018 an der Faculty for the Humanities an der UG gegründet, ist ein ghanaisch-deutsches Institut, in dem die Universität Ghana und ein Konsortium deutscher Partner (Universität Freiburg, Goethe-Universität Frankfurt, Deutsches Institut für Globale und Regionalstudien und Deutsches Historisches Institut in Paris) zusammenarbeiten.

Begrüßt wurden wir von Dr. Chika C. Mba, Philiosoph mit Schwerpunkt in afrikanischer Philosophie, dekolonialem Denken, Menschenrechte und globaler Gerechtigkeit, der das Institut seit August als Direktor leitet, und Agnes Schneider-Musa, die als akademische Koordinatorin tätig ist. Außerdem waren einige der aktuell am Institut arbeitenden Fellows anwesend, die uns kurze Einblicke in ihre Forschungsprojekte gaben.

Direktor und Koordinatorin gaben uns einen Einblick in die Arbeit von MIASA, die dem Thema „nachhaltige Governance“ gewidmet ist, was in den Forschungsschwerpunkten nachhaltiger ökologischer Wandel, nachhaltiges Konfliktmanagement und nachhaltige Demokratie konkretisiert wird. Des Weiteren geht es um intersektionale Themen wie Landbesitz und Landerwerb, Migration und Mobilität, Rückgabe kolonial erworbener Kulturgüter, afrikanische Städte und Menschenrechte.

Übergeordnete Ziele von MIASA sind der Abbau globaler Asymmetrien in der Wissensproduktion und die Überbrückung der kulturellen Kluft zwischen dem anglophonen und dem frankophonen Afrika. MIASA soll als Drehscheibe für den Austausch, die Vernetzung und die Zusammenarbeit zwischen führenden Forschenden aus Ghana, Deutschland, dem afrikanischen und europäischen Kontinent sowie darüber hinaus dienen. Ein interessanter Aspekt der nachfolgenden Diskussion drehte sich um die Frage, wie ein von europäischer Tradition gänzlich befreites System der Wissensproduktion aussehen kann.

Unsere letzte Station war das W.E.B. Du Bois Memorial Centre for Panafrican Culture, ein Gedenkort samt Mausoleum für W.E.B Du Bois, der seine drei letzten Lebensjahre in Ghana verbrachte. Du Bois, 1868 in Great Barrington, Massachusetts, geboren, war ein US-amerikanischer Historiker, Soziologe, Philosoph und Journalist, der in der Bürgerrechtsbewegung aktiv war.  Seit den 1940er Jahren stand er mit Kwame Nkrumah in einem engen intellektuellen und brieflichen Austausch über die Unabhängigkeit afrikanischer Staaten. Beide waren Vertreter des Panafrikanismus. Als überzeugter Anhänger des Sowjetkommunismus geriet Du Bois in den USA zunehmenden unter Druck und folgte 1961 der Einladung Nkrumahs nach Ghana. Im Alter von 93 Jahren siedelte er mit seiner zweiten Frau, der die amerikanische Schriftstellerin Shirley Graham, nach Accra um, wo er das Großprojekt einer Encyclopedia Africana umzusetzen gedachte. 1963 starb er. Seine Frau blieb bis zum Militärputsch 1966 in Ghana.

Der Bungalow, den Du Bois und seine Frau in Accra bewohnten, ist Mittelpunkt des W.E.B. Du Bois Memorial Centre for Panafrican Culture. Laut Website versteht sich das Centre als „lebendiger Ort, an dem der Geist des Panafrikanismus gedeiht“, als ein „Ort der Bildung, der Besinnung und der kulturellen Verbundenheit“, ein „Ort, an dem die Mauern Geschichten von Befreiung, Einheit und intellektuellem Mut flüstern. Ob Sie Historiker, Student, Reisender oder Mitglied der afrikanischen Diaspora sind – hier werden Sie eine tiefe Verbindung zu Afrikas Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft finden“. Große Wort, die aktuell nicht eingelöst werden.

Wir sahen einen Werbefilm, der uns den sehr großzügigen, um nicht zu sagen: überdimensionierten Neubau einer Bibliothek samt Kulturzentrum vor Augen führte und mit der Bitte um Spenden schloss. Die Ausstellung wurde der Person Du Bois sicher nicht annährend gerecht. Sie zeigte leidglich die letzten Lebensjahre in Ghana in Form von Fotos. Zum Abschluss wurden wir ins Mausoleum geführt, in dem unter einer Marmorplatte der Sarg zu vermuten ist. Daneben steht wie in einem Vogelfutterhäuschen die Asche von Sihrley Graham. Der Bungalow konnte leider nicht betreten werden. Er wird derzeit renoviert.

Auf dem Gelände gab es eine letzte Möglichkeit, Dinge zu kaufen. Dann kam die Stunde des Abschieds von Nii, unserem Busfahrer und dessen Assistenten, und schließlich die letzte Fahrt mit unserem super Bus zum Flughafen.

Letzte Worte erspare ich mir. Nur so viel: Es war eine tolle Reise!

Almut